die Sängerin

© Michael Pöhn

„Wohin reicht, wohin die Stimme der Menschen wenn sie emporklingt?

Schwingen, schwingen die Himmel von ihr? Oder verbringt sie immer ein
schwindender Wind?“ (Rainer Maria Rilke, Chant éloigné).

Alles um mich singt, nichts spricht!

Als Kind war das Singen für mich die natürlichste Art und Weise einzuschlafen, zu verdauen, nicht reisekrank zu werden, der Schule zu trotzen, die Ferien zu begraben, meine erste Liebe zu verführen, andere zum Lachen zu bringen, dem Meer meiner bretonischen Heimat meinen Lebensunmut oder meine Lebensfreude kundzutun. Kurz gesagt: es war der Leitfaden, der es mir ermöglichte, zu wachsen und Selbstvertrauen zu erlangen. So weit meine Erinnerungen reichen, klopfen Menschen wie Dinge bei meinem Herzen an und erzählen mir zunächst durch ihre klangliche Identität ihre Geschichte.

Als junges Mädchen konnte ich vergessen zu atmen, wenn ich die tiefe Farbe von Greta Garbos Stimme in der Rolle der Marguerite Gautier hörte. Durch sie entdeckte ich Verdis Traviata und die so vielfältige Palette der Gefühlsneigungen auf einer Bühne. Ich wurde mitgerissen von der Sehnsucht danach, singend Geschichten zu erzählen, Lebensunmut aufzuzeigen oder fröhliche Geister zu begleiten.

Noch heute kleiden sich meine Seele und mein Herz täglich dieser unveränderten Begeisterung, umso mehr als singen ein Akt des Friedens ist, der alle Nationalitäten miteinander verbindet und mir Hoffnung in die Zukunft der Welt verleiht.

Die Liebe für das Theater, für die Sprachen, für das Menschliche, die Disziplin, die unablässige Suche nach der richtigen Schwingung des Textes, des Lebens, durch die Musik und dann… wer weiß? Auch Sie dazu bringen, dass Sie vergessen zu atmen. All dies ist mein „tour de chant“.